Die Offenbarung Gottes über die Liebe von Mann und Frau

Die Theologie des Leibes des heiligen Papst Johannes Paul II.

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Leinentuch zur Heiligsprechung der beiden Päpste Johannes XXIII. (rechts) und Johannes Paul II. (links) am 27. April 2014 in Rom

Mehr als jeder andere ist der hl. Papst Johannes Paul II. dem Sinn der menschlichen Liebe und Sexualität auf den Grund gegangen. Die Liebe, so Wojtyła, war für ihn die Erklärung aller Dinge und die Lösung aller Probleme. Darum achtet er die Liebe hoch, wo immer sie zu finden ist. In der Theologie des Leibes betrachtet der hl. Johannes Paul II. umfassend das Verhältnis von Mann und Frau sowie die Bedeutung der Sexualität, wie sie von Gott im Schöpfungsplan verankert sind. Ausgehend von der Heiligen Schrift stellt er die Schöpfungsordnung mit Hilfe der Phänomenologie der Selbsterfahrung des Menschen gegenüber. Er ist davon überzeugt, dass die Lehre der katholischen Kirche über den Menschen als Mann und Frau, über Ehe und Familie, über Geschlechtlichkeit und Sexualität voll und ganz einleuchtend sei, weil sie der Wahrheit des Menschen entspreche. In seiner Theologie des Leibes legt er dar, dass der Leib – besonders in seiner Bestimmung als Mann und Frau – eine Gottesoffenbarung, eine Theologie ist. Wir können mit und durch unseren Leib Gott erahnen. Der Leib und die Sexualität sind nicht nur heilig, sondern können auch ein Weg zur Heiligkeit sein. Das ist revolutionär. Die Theologie des Leibes lädt den Menschen ein, die Offenbarung Gottes über die Liebe von Mann und Frau, wie sie sich in der Lehre der Kirche ausdrückt, der eigenen Erfahrung gegenüberzustellen und zu reflektieren. Somit eröffnet sie einen dialogischen und induktiven Zugang zum christlichen Menschenbild und zur kirchlichen Sexualmoral. Sie möchte nicht indoktrinieren sondern überzeugen.

Das Krakauer Memorandum

Der selige Papst Paul VI. hatte in der Vorbereitung der Enzyklika Humanae Vitae etliche Theologen gebeten, Stellung zu den Fragen der menschlichen Sexualität, der Verhütung und der Moral zu beziehen, unter anderem auch den Theologenkreis um Bischof Karol Wojtyla [der hl. Papst Johannes Paul II.]. In seinem wichtigsten ethischen Werk „Liebe und Verantwortung“ hatte damals Wojtyla [der hl. Papst Johannes Paul II.] auf philosophisch-anthropologische Weise die Sexualmoral der katholischen Kirche erklärt. Er und sein Theologenkreis entwarfen ein fundiertes Dokument für den sel. Papst Paul VI., das sogenannte „Krakauer Memorandum“. Doch wie sollte man ein umfangreiches philosophisch-theologisches Werk in einer Enzyklika von rund zwanzig Seiten zusammenfassen? Papst Paul VI. entschied sich, weniger die Begründung, als lediglich die Schlussfolgerungen zu veröffentlichen. Was sich infolge der Enzyklika entwickelt hat, muss nicht wiederholt werden und ist hinreichend bekannt. Nach seiner Wahl zum Papst wollte Johannes Paul II. die gesamte Diskussion auf eine neue Grundlage stellen. Er war der Ansicht, man müsse etwas gegen die Verwirrung tun, die nach Humanae Vitae entstanden war und man müsse einen Versuch machen, die Sexualethik überzeugender zu erklären – zumal die Kirche bis dahin noch keine Sprache gefunden hatte, mit der sie den Herausforderungen der sexuellen Revolution hätte begegnen können. Er wollte unter die Aussagen, die in Humanae Vitae verkündet wurden, einen Unterbau stellen, der auch kritischem Nachfragen standhält.

So entstanden in den Jahren 1979 bis 1984 insgesamt 129 Ansprachen, die Johannes Paul II. unter dem Titel „Theologie des Leibes“ zusammenfasste und im Rahmen der Mittwochsaudienzen hielt. Diese Katechesen sind biblische Betrachtungen über die Bedeutung des Leibes, der Sexualität und der ehelichen Liebe. Sie basieren auf seinem Werk „Liebe und Verantwortung“ und zeigen seine Vision der menschlichen Sexualität, der Liebe von Mann und Frau, der Leiblichkeit, der Würde des Menschen, geschaffen nach dem Bild Gottes. Ausgehend von der Betrachtung des Menschen vor dem Sündenfall, entfaltet er das ursprüngliche Bild des Menschen und animiert so – ohne erhobenen Zeigefinger – die Menschen, diesem Bild nachzueifern. Er zeigt wie echte Liebe nach dem Plan Gottes möglich ist und gelebt werden kann.

Während die Sexualmoral früherer Zeiten sagte: Das darf man nicht, weil es nicht gut ist, folgte Karol Wojtyla einem anderen Ansatz. Er war fest davon überzeugt, dass man die Wahrheit erkennen kann, wenn man auf die menschliche Erfahrung achtet. Er schließt daraus: Wenn es also objektiv wahr ist, was die Kirche lehrt, muss dies durch die menschliche Erfahrung – so subjektiv sie auch ist – bestätigt werden. Oder wie es später der Katechismus (Nr. 2126) ausdrückt, stimmt die Botschaft der Kirche mit den verborgensten Wünschen des menschlichen Herzens überein.

Der hl. Papst Johannes Paul II. lädt den modernen Menschen ein, seine tiefsten Wünsche im Blick auf die Liebe und die Sexualität anzuschauen und zu prüfen, welche Übereinstimmungen es zwischen den Aussagen seiner Theologie des Leibes und der eigenen Erfahrungen gibt. Was sind die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen? Jüngere Studien unter jungen Menschen ergaben, dass ihr größter Wunsch eine intakte Familie ist (Allensbach 2008). Werte wie Treue, Geborgensein, Geliebtwerden, Heimat sind heute genauso aktuell wie vor Jahren.

Begierde, Lust und Sexualität

Diesen Wünschen gegenüber steht die Gefahr, Menschen zu benutzen. Frauen können Männer benutzen zu ihrer emotionalen Befriedigung – der Sehnsucht nach Nähe, Schutz, Geborgenheit. Männer können Frauen benutzen zu ihrer sexuellen Befriedigung. Beides ist nicht die rechte Weise zu lieben. Oft denken wir, dass das Gegenteil von Liebe der Hass ist.

„Für Johannes Paul II. ist das Gegenteil von Liebe nicht Hass; vielmehr ist das Gegenteil von Liebe das Benutzen eines anderen als Mittel, um die eigenen selbstsüchtigen Ziele zu erreichen.“ (West 49).

Alle Formen der Pornographie, des Ehebruchs, des Missbrauchs, der Verhütungsmentalität in der Ehe entstehen aus dieser selbstbezogenen Begierde. Und wir alle – und besonders die Frauen unter uns – werden durch diese Erfahrung verletzt. Alle Wunden, die unsere Sexualität betreffen, gehen sehr tief. Sie treffen uns im Innern unserer Seele. Wie können wir Heilung finden und das Vertrauen zurückgewinnen, dass echte Liebe möglich ist? Was ist echte Liebe im Bezug auf die Sexualität? Dass wir die Freude der Liebe genießen, ohne aber jemals den anderen als Objekt zu missbrauchen?

Die Erlösung der Sexualität

Hl. Papst Johannes Paul II.Die schlechte Nachricht lautet, dass wir unsere ursprüngliche Liebesfähigkeit verloren haben. Die gute Nachricht ist, dass Christus gekommen ist, um diese Liebe in uns wiederherzustellen. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen und leben wie Adam und Eva, aber Christus ist für uns gestorben und auferstanden. Oft hören wir diese Botschaft so, als ob es ein Ereignis wäre, das außerhalb von uns ist. Aber das ist es nicht! Es ist das größte Ereignis der Welt, es ist der schönste Sieg, der jemals errungen worden ist. Die Auferstehung ist wirklich die Kraft, die uns rettet, die uns zeigt, wie sehr wir von Gott geliebt sind. Durch die Auferstehung sind wir in Wahrheit frei – auch frei von der Sünde, von der auf sich selbst bezogenen Begierde. Wir sind frei zu lieben wie Gott liebt. Doch wie liebt Gott? Wie können wir erkennen, dass unsere Liebe, die Liebe zum Ehepartner, zu den Kindern, diejenige Liebe ist, die Gott selbst uns schenkt und wir weitergeben dürfen? Die Liebe Gottes hat vier grundlegende Eigenschaften. Zunächst ist die Liebe Gottes frei. Christus sagte vor seinem Leiden (Joh 10,18):

„Niemand entreißt mir mein Leben, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin.“

Die Liebe Gottes ist bedingungslos. Sie ist total, vollkommen und ohne Vorbehalt. Die Liebe Gottes ist treu (Mt 28,20):

„Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Die Liebe Gottes ist lebensspendend (Joh 10,10):

„Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“

Die Liebe ist lebenspendend und fruchtbar. Das wird sichtbar, wenn aus solcher Liebe zwischen Mann und Frau Kinder hervorgehen und wir ein großes „Ja“ zu dieser Fruchtbarkeit der Liebe sprechen. Freie, bedingungslose, treue und lebensspendende Liebe – das ist am Kreuz geschehen, als Christus sein Leben für uns gab! Freie, bedingungslose, treue und lebensspendende Liebe – das geschieht in der Eucharistie, wenn Christus uns sagt: Das ist mein Leib, hingegeben für dich. Ein anderes Wort für freie bedingungslose, treue und lebensspendende Liebe ist: Ehe und Familie. Wenn unsere Liebe in der Ehe und der Familie die Liebe Gottes wiedergeben soll, dann muss sie frei, bedingungslos, treu und lebenspendend sein.

Wir können uns das immer wieder fragen: Sind Unversöhnlichkeit in der Familie und das Anschauen von Pornographie Taten von freier, treuer, vorbehaltloser und lebensspendender Liebe? Sind außerehelicher Geschlechtsverkehr und das gegenseitige Aufrechnen „Das habe ich alles für dich getan“ ein Abbild von freier, treuer, vorbehaltloser Liebe oder nicht? Sind Verhütung oder Abtreibung Taten freier, treuer, vorbehaltloser und lebenspendender Liebe?

Wir erwähnen dies nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern wir möchten einzig daran erinnern, dass unser Mannsein und unser Frausein, dass die Ehe eine viel größere Dimension hat, als wir im Allgemeinen wahrnehmen. Gott schuf den Menschen, damit er die Wahrheit seiner Existenz, das Geheimnis seines eigenen Lebens ausdrücken kann. Was ist diese Wahrheit über den Menschen? Die Liebe zwischen Mann und Frau ist Abbild jener Liebe, die die heiligste Dreifaltigkeit untereinander hat. Wenn Menschen ihre Liebe in der Sexualität mit ihrem Leib ausdrücken, dann ist das die kraftvollste, die schönste Sprache des Leibes. Wenn Menschen ihre Liebe in der Familie ausdrücken, dann ist es eine der schönsten Sprache der Liebe. Beide Beispiele machen der Welt die Liebe Gottes sichtbar.

Die Familien, die Jugendlichen sind in der Zerreißprobe, sie gehen durch eine schwierige Zeit – aber als Christen tragen wir das Licht, das uns auf unserem Weg begleitet. Wir glauben, dass die Theologie des Leibes, die wir hier nur in wenigen Gedankensplittern darstellen konnten, ein solches Licht ist und wir möchten Sie ermutigen, sie kennenzulernen.

Der Studiengang Theologie des Leibes

Bild: Wikipedia
Lic. theol. Corbin Gams, MTh

Die Initiative Christliche Familie der Österreichischen Bischofskonferenz hat einen „Studiengang Theologie des Leibes“ (STdL) ins Leben gerufen. Das Ziel dieses STdL ist eine fundierte, kompetente, menschliche und spirituelle Ausbildung sowie die Fähigkeit, durch eine differenzierte Gegenwartsanalyse die Zeichen der Zeit bezüglich Mensch, Menschenbild, Leib und Sexualität wahrzunehmen und theologisch zu deuten. Der Studiengang soll zur Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen, Entwicklungen und Strömungen in diesen Bereichen innerhalb der Theologie befähigen, die Bedeutung der Theologie des Leibes für die Gestaltung des persönlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens neu zu entdecken, zu erschließen und weiterzugeben. Acht Module sind über vier Semester verteilt, wobei pro Semester zwei Module angeboten werden. Jedes Modul umfasst zwei zweitägige oder eine viertägige Blockveranstaltung, die auch einzeln belegbar sind. Der Studiengang startet neu im September 2015, dennoch ist ein Einstieg jederzeit möglich. Zu den philosophischen Grundlagen zählen Phänomenologie, Anthropologie und die ethischen Grundlagen der Theologie des Leibes. Die theologischen Grundlagen umfassen Bibeltheologie – biblisches Denken, geschichtliches Umfeld, Verhältnis Humanae Vitae, Theologie des Leibes, Ehespiritualität und praxisorientierte Module.

Der Studiengang richtet sich an Menschen, die aufgrund ihres haupt- oder nebenberuflichen Engagements in der Kirche besondere Qualifikation und Kompetenz über die kirchliche Lehre von Ehe und Familie benötigen, die mit diesem Lehrgang ihr Theologie- und Philosophiestudium bereichern, die Theologie des Leibes in ihrer Tiefe kennenlernen und weitergeben wollen.

Planung, Inhalt und Durchführung

Planung, Inhalt und Durchführung obliegt der Initiative Christliche Familie (ICF) in Kooperation mit der Philosophisch-theologischen Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz und in Zusammenarbeit mit dem Johannes Paul II. Institut an der Lateranuniversität in Rom.

Weitere Hinweise und Quellen