Bild: L'Osservatore Romano Nr. 35 vom 31. August 2012

Praktische Regeln zur Erkenntnis der Antriebe und Eingebungen des göttlichen Geistes

Aus „De discretione spirituum“ von Kardinal Johannes Bona (1609-1674)

https://www.libriantichionline.com/seicento/bona_discretione_spirituum_1674
Praktische Regeln zur Erkenntnis der Antriebe und Eingebungen des göttlichen Geistes von von Kardinal Johannes Bona (1609-1674)

Sechs Geister gibt es, die man in drei zusammenfassen kann, in den göttlichen, teuflischen und menschlichen. Der göttliche Geist ist eine innere Anregung der Seele oder eine Eingebung, die von Gott kommt und zur Tugend und Heiligkeit antreibt. Diese göttliche oder innere Anregung oder Einsprechung kann auf verschiedene Art geschehen. Sie kann unmittelbar von Gott kommen oder mittelbar. Mittelbar ist sie, wenn sie uns durch die Engel oder durch fromme Menschen, durch die Stimme des Gewissens, durch gute Beispiele, geistliche Lesung, durch Leiden und Widerwärtigkeiten usw. zukommt. Es wäre eine sehr schlimme und gefährliche Unwissenheit, wenn wir die gute Einsprechung von der bösen nicht unterscheiden könnten. Die göttliche Gnade lehrt uns, den guten von dem bösen Geist unterscheiden. Durch dieses Licht erleuchtet, haben uns die heiligen Väter und Geisteslehrer einige Kennzeichen an die Hand gegeben. Solche sind:

  1. Die Einsprechung selbst verrät ihren Urheber. Treibt sie zum Guten an, so rührt sie von einem guten Geiste her. Werden wir dagegen zu etwas Bösem angeregt, zu weltlicher Eitelkeit, fleischlicher Lust, unnützen Begierden und dergleichen, so redet der böse Geist.
  2. Die göttlichen Einsprechungen führen stufenweise vom Guten zum Besseren und bequemen sich der Natur, dem Alter, dem Stande und Charakter eines jeglichen an. Der Teufel beobachtet bei seinen Einflüsterungen keine Ordnung, kein Maß und Ziel, und schaut nicht auf die Beschaffenheit desjenigen, den er betrügen will.
  3. Gott reicht den Anfängern die Milch geistlicher Tröstungen, damit sie kosten, wie süß der Herr ist; später gibt er ihnen dann kräftigere Nahrung, und sie erfreuen sich dabei innerer Ruhe. Der Teufel stellt den Anfängern die Wege Gottes schwierig vor, wirft ihnen Hindernisse in den Weg und jagt ihnen Furcht und Angst ein.
  4. Die göttlichen Einsprechungen werden im Innersten des Herzens vernommen; die Stimme des Teufels kommt mehr von außen und mit Geräusch.
  5. Die von Gott bewegt werden, fürchten sich immer besonders bei außerordentlichen Dingen vor Täuschungen, sind demütig und aufrichtig gegen ihren Beichtvater. Gefällt sich aber die Seele in solchen Dingen und wird sie stolz, so ist es ein sicheres Zeichen, daß der Teufel der Urheber ist.
  6. Der Geist Gottes verleiht Barmherzigkeit und Milde gegen den Nächsten, auch da, wo die Gerechtigkeit angewendet werden muß; der böse Geist macht das Gemüt des Betrogenen bitter, ungeduldig, zum Zorn geneigt und treibt zu andern Verletzungen der Nächstenliebe an.
  7. Der Geist Gottes treibt zur Verehrung dessen an, was heilig und ehrwürdig ist, seien es Personen oder Sachen; der Geist des Teufels erregt Verachtung alles Heiligen und Spott- und Zweifelsucht.
  8. Erkennt eine Seele weit entfernte und geheime Dinge, so ist es dann ein Zeichen der göttlichen Erleuchtung, wenn man über ihre Demut und Liebe untrügliche Beweise hat. Nähren solche Erkenntnisse aber nur den Vorwitz und die eitle Ehrsucht, so ist der Teufel Lehrmeister. Das Innere des Herzens und seine Geheimnisse kennen und offenbaren, das kann nur Gott verleihen.
  9. Wunder sind kein untrüglichen Zeichen der Heiligkeit. Gott kann auch durch böse Menschen Wunder wirken oder erlauben, daß sie durch Hilfe des Teufels Dinge tun, die als Wunder vor den Augen der Menschen gelten. Werden durch Wunder Seelen bekehrt, so ist das ein gutes Zeichen; denn Gott pflegt zu Werkzeugen einer gründlichen Bekehrung nur solche zu erwählen, die ihm wohlgefällig sind. Heuchler und Unheilige haben nie einen Sünder vollständig bekehrt.
  10. Antriebe zu etwas, woran nichts Böses ist, oder was ein größeres Gut nicht verhindert oder für den Stand des Handelnden nicht unschicklich ist, sind vom guten Geiste. Dieses zu erkennen, braucht es reifliche Prüfung, denn die Sache muß allseitig gut sein; es ist aber nicht so leicht zu erkennen, worin die allseitige Vollkommenheit eines Werkes besteht. Auch muß man sehen, ob der Antrieb nicht anfangs nur, sondern auch im Verlaufe und am Ende, sowie in Anbetracht der Umstände gut ist, denn es kann ein Antrieb anfangs gut sein und nachher bös werden.
  11. Den guten Geist begleitet immer Klugheit und geordnete Liebe. Der Geist, der zum Übermaß antreibt und Unordnung verursacht und unklug ist, ist böse.
  12. Gott ordnet zuerst das Innere und legt den Grund der Demut, dann treibt er zu großen herrlichen äußeren Taten an. Der böse Geist verlockt zu äußeren Dingen und bekümmert sich nicht um den inneren Menschen.
  13. Der gute Geist zeigt sich mild gegen die Guten, rauh gegen die Schlechten, der böse Geist aber begünstigt die Bösen und schreckt die Guten; er schmeichelt den Sündern, erweckt eine vermessene Hoffnung in ihnen und hält sie von der Buße ab; dagegen ängstigt er die Gerechten mit Skrupeln und flößt ihnen Überdruss im Dienste Gottes ein.
  14. Wird der Mensch zur Buße und Zerknirschung angetrieben, verwandelt sich sein Kleinmut und Überdruß bald in Heiterkeit und Bereitwilligkeit, so ist es die Hand des Allerhöchsten, die in ihm wirkt.
  15. Jener Geist, der von sinnlichen Ergötzungen zurückzieht und uns zu Liebhabern der Arbeit und des Kreuzes macht, ist gut.
  16. Das beste Kennzeichen des guten Geistes aber ist die Liebe.

 Weitere Hinweise und Quellen